Friedensstifter
Da sie unter streitenden Parteien Frieden stiften wollte, ist damit gesagt, dass sie in einem gewissen Ansehen stand. Sollte ihre Friedensstiftung auch vom öffentlichen Gerichte anerkannt werden, so war die Rechtskundigkeit unerlässlich. Und schließlich durfte eine gute Portion Zivilcourage nicht fehlen, wollte man den Friedensschluss mit Autorität vertreten. Die Tätigkeit des Friedensstifters erwies sich als ein wahrer Bürgerdienst. Er verlangte Männer, die Prestige, Rechtskunde und Mut besaßen. Im Stadtrecht von Cascia ist die Kontur dieser Gestalt nicht klar umrissen. Ihr häufiges Eingreifen entfaltete sich meist im Hintergrunde der Öffentlichkeit. Jedoch hatte das Stadtrecht verbürgt, dass eine außergerichtliche Friedensstiftung Geltung haben sollte und die damit verbundenen Geldstrafen noch um ein Drittel reduziert seien. Dieser finanzielle Vorteil war ein verlockendes Argument im Munde eines Friedensstifters. Die meisten Zwangsmaßnahmen des Stadtgesetzes bestanden aus empfindlich hohen Geldstrafen. Cascia kannte fast kein Todesurteil. Die Stadt hatte lange Zeit hindurch die außergerichtliche Friedensstiftung begünstigt. Um das Jahr 1380 sah sich Cascia jedoch gezwungen, dieses Privileg gewaltig zu beschneiden. Fanceschini gibt uns in seinem Geschichtsbuch Cascias die Gründe dafür an: Wegen der hohen Kriegssteuer waren die Stadtkassen leer. Die Kosten der Kriege und Kleinkriege, die Erpressungsgelder, die an die wilden Söldnerscharen zu zahlen waren, um sie von der Stadt abzuhalten, das alles zwang zu einer Änderung des großzügigen Verfahrens. Die Friedensurkunden in den Rita-Dokumentationen sind alle von der Art, die rechtsmäßig im Gericht registriert werden konnten. Dagegen konnten Friedensstiftungen, die nach einem Morde notwendig wurden, offenbar nicht im Gerichte eingetragen werden, ohne einen Kriminalprozess in Bewegung zu setzen. Sie waren dazu bestimmt, geheimgehalten zu werden und im Archiv eines Klosters für immer aufbewahrt zu werden; wenigstens so lange, bis es erneut zum Friedensbruch kam. Nach einem Morde, - beispielsweise nach dem Morde des Mannes der hl. Rita, - kamen die Vorsitzenden der beiden Parteien, die ihren gegenseitigen Hass begraben wollten, vor drei rechtskundigen Friedensstiftern zusammen, deren Ehrbarkeit unantastbar sein musste. Die Oberhäupter der beiden Parteien schwörten ewigen Frieden. Im Falle des Friedensbruches wurde der Name des Schuldigen mit einer öffentlichen Brandmarkung geahndet und ganz Cascia sollte ihn einen Friedensbrecher und Verräter schelten. Die drei Friedensstifter hatten die Friedensurkunde zu veröffentlichen. Alle Unterschriften, die der Friedensstifter, des Notars, der Versöhnten und aller Beteiligten wurden gezeigt und dann der Stab über sie gebrochen und schließlich wurden sie als Wortbrecher gebrandmarkt. Es ist verständlich, dass dieses Amt Mannesmut voraussetzte; denn wer im Hasse fähig war, den Frieden wieder zu brechen, dem war es wohl auch zuzutrauen, sich an dem gründlich zu rächen, der seinen guten Namen in den Staub zu ziehen wagte. Im Kloster der hl. Rita ist uns nur eine einzige Friedensurkunde erhalten geblieben und zwar aus dem Jahre 1562. Die Namen der beiden Gegner sind Girolamo Flamineo und Marc Antonio Giovannbattista, beide aus Cascia. Sie erscheinen vor den Friedensstiftern Marc Antonio Cittadonio, Federigo Nikola und Toquato Fidato als Zeugen und Friedensfestiger und dem Notar Francesco Frenfranello. Es wäre natürlich schön gewesen, wenn wir die Friedensurkunde in Händen hätten, die nach dem Mord von Ritas Gatte ausgefertigt wurde. An deren Stelle haben wir aber noch mehr als eine solche! Nicht nur ein Dokument aus Papier, sondern ein Friedensfresko erzählt eine wundervolle Begebenheit. Über dem ersten Altar beim Eingang rechts in der Kirche des hl. Franz in Cascia war ein Freskobild, das eine Friedensstiftung zwischen zwei feindlichen Familien mit Friedenskuss und Umarmung darstellt. Offenbar war sie durch das Verdienst Ritas ... zustande gekommen. Ritas Gestalt war links neben den beiden Familiengruppen angebracht. Dieses Fresko wurde, soweit es die Versöhnungsszene der beiden Familien anzeigt, später (1504) mit dem Hammer abgeklopft. Aber jener Teil des Bildes, auf dem Rita gemalt war, blieb unangetastet. Im gleichen Jahre setzte man an die Stelle der Versöhnungsszene eine Madonna mit St. Luzia und St. Johannes in der gleichen Arbeitstechnik. Wieso geschah dies im Jahre 1504? Das war das Datum der letzten großen Revolution, die von den Ghibellinen unter einem gewissen Antonelli organisiert wurde. Sogar in Rom hatte man über die zu erwartende Revolte munkeln hören. Als das Gerücht deutlicher wurde, schickte der Papst den Podesta von Bevagna nach Cascia. Er stiftete Frieden und ließ Antonelli auf das Kruzifix schwören. Nichtsdestoweniger kamen die ängstlich verheimlichten Vermutungen nicht zum Schweigen. Tatsächlich fand sich eines Tages Antonelli mit 300 Reisigen hoch zu Ross ein. Der Sturm auf die Festung begann. Diese antwortete den Angreifern mit wohlzielenden kleinen Kanonen und bereitete ihnen eine wütende Vergeltung: zahlreiche Tote und Verletzte waren zu verzeichnen; die übrigen flohen. Später, im Jahre 1517, wurden alle diese Familien vertrieben. Als die Cascianer eines guten Tages wieder nach S. Francesco kamen, zeigte sich ihnen die nackte Wand über dem Friedensaltar als Beweis des sakrilegisch gebrochenen Friedens. Allein St. Rita verharrte noch als eine liturgische Gestalt in unbesiegbarer Friedenshaltung auf der zerstörten Wand. Und damit ist uns das älteste Rita-Bild erhalten geblieben: Ein Vermächtnis aus der tragischen Stunde einer jungen und heiligen Witwe.
Initialen
Das Werk "De gestis Domini Salvatoris" (Die Gesten des Heilands) von Simone Fidati, dem größten geistlichen Führer seiner Zeit (1295-1348) in Florenz, Rom und in der Umgebung von Cascia ist der Verehrung des Menschseins Christi gewidmet und ist der Schlüssel, um auch die Heiligkeit der Rita von Cascia zu verstehen. Diese im Mittelalter stark verbreitete Verehrung entstand im Rahmen der augustinischen theologischen Tradition, der sogenannten "Theologie des Herzens", deren berühmte Vertreterinnen die Augustinerheiligen Rita und Klara von Montefalco waren. Ziel der Verehrung des Menschseins Christi war das Teilhaben der Christen am Leben Christi, wie es uns von den Evangelien erzählt wird. Es sollte in der "ehelichen" Liebe gelebt werden, die jeden Gläubigen mit Christus vereint, vor allem im Teilhaben oder im "Mitleiden" an den schmerzlichsten Momenten seines Lebens, in erster Linie des Leidensweges des Kreuzes. Der Franziskanermönch, der hl. Bernhard von Siena, kleidete diese Verehrung in die Abkürzung JHS (Jesus Hominum Salvator, d.h.: Jesus, Retter der Menschen", die sich unter dem Volk derart verbreitete, dass sie als Zeichen des Schuztes auf den Türen der Häuser eingeprägt wurde. Dies wird zum Grund vieler Diskussionen unter den Theologen, denn nach Ansicht einiger wurde die Göttlichkeit Christi kompromittiert, die mit dem Zeichen XP (Khristos) ausgedrückt wurde. Ein anonymer Maler zeichnete in Alternative die zwei Monogramme auf dem Sarg, in den der Leib der hl. Rita von Cascia zehn Jahre nach ihrem Tode gelegt wurde, womit die hl. Rita auch unter den Theologen den Frieden stiftete.
Wirtschaft
Die Mauern Cascias und seine hoch aufragenden Türme erhoben sich stolz auf den blau-grün bewaldeten Höhen. Die Häuser der wohlhabenden Stadt trugen schon Ziegeldächer und die Cascianer waren nicht wenig stolz auf die Wasseranlage in Ocosce, an die ihre Stadt angeschlossen war, die zwar nicht im Überfluss die Wasserleitung versorgte, jedoch für alle ausreichend. Die hygienischen Vorkehrungen und Einrichtungen waren mustergültig und das Plätschern der Brunnen an schönen Plätzen der Innenstadt bestärkte den Eindruck der wohlhabenden Bürgerschaft. Hoch oben auf dem Kamm des Apennin verlief der Saumpfad des mittelalterlichen Handels von Florenz über Foligno und Cascia nach Neapel; so wurde aus dem Provinzstädtchen eine kleine Handelsmacht. Das bedeutete Wohlstand, Industrie, Forschritt und Humanismus und damit die Voraussetzung für geistiges und geistliches Leben. Es gab in Cascia Silberschmiede, Papiermühlen, Tuchfärber, Glasereien, Tuchwalker und Handwerker der verschiedensten Art. Rechtlichkeit im Handel, geeichte Maße in den Weinschenken, die Stempel der Gesundheitsbehörde in Metzgereien und Bäckereien und dergleichen sind im Stadtgesetz verankert, so dass dies alte Cascia der hl. Rita auf den modernen Menschen einen überraschenden Eindruck macht. Ihre äußere Umwelt war kein geschlossenes Ghetto. Durch die direkte Verbindung zu Florenz und Neapel kamen über die Kaufleute und deren Handelsknechte die Ereignisse und Neuigkeiten auf unmittelbarem Wege in diese rührige Stadt, deren Fenster, Türen und Horizonte weit aufgetan waren. Diese Glanzzeit des wirtschaftlichen Aufstiegs dauerte allerdings nicht lange, als Rom, die Stadt der Päpste, wegen seines Schismas in Ohnmacht lag. Sobald sie sich wieder effektiv zur Hauptstadt verwandelt hatte, musste der Handel andere Wege vorziehen und somit die Bedeutung Cascias in den Hintergrund treten. Auch der Wandel der Militärwesen trug seinen Teil bei; denn es war mit der Zeit unmöglich geworden, die engen Täler, welche die Stadt umgaben, mit geringen Kosten zu verteidigen. Rita erlebte den Niedergang ihrer Heimatstadt mit eigenen Augen. Für den geschichtlich Interessierten ist der Tod Martin V. als kritisches Jahr in der Historie Cascias als Anhaltspunkt gegeben.
Hochzeitsritual
Eine Cascianerin konnte sich ohne Zustimmung der Eltern weder verheiraten noch ins Kloster gehen. So wollte es die strikte Vorschrift des Stadtgesetzes. Gaben die Eltern nicht die Zustimmung zu Ritas Zukunft, wer kann ihr dann nach ihrem Tode beistehen? Vielleicht würde ein grausamer Betrüger über ihre Hand verfügen. Sogar die Herren Konsulen hätten das Recht der Vormundschaft über sie. Bei diesem Ereignis zählte Rita 14 Jahre. Durch die politische Endogamie wollte Cascia sich seine Macht sichern und so heiratete und verheiratete die Bourgeoisie nur im eigenen Kreis. Aus diesen Zusammenhängen kann man kaum annehmen, dass Ritas Mann nicht aus der gleichen sozialen Schicht stammt, obwohl er bäuerlich und guelfisch war. Hochzeitsfeier Es kam der Tag des juridischen Eheversprechens oder des juridischen Eheschlusses. Viele Einzelheiten einer solchen Feier sind uns bekannt. Das Stadtgesetz hatte für Hochzeiten und Hochzeitsfeiern kleinliche und exakte Vorschriften parat. die Freundinnen Ritas wünschten der kleinen Braut alles Glück. Die Eltern hatten Tränen stiller Freude in den Augen und waren selig, ihren bürgerlichen Traum endlich verwirklicht zu sehen. Die Feier konnte in der Kirche oder auch im Hause stattfinden und nach alter Überlieferung trank man dabei ein Gläschen guten Weines. Zehn Männer und zehn Frauen, die den Bräutigam ins Haus der Braut begleitet hatten, waren zugegen. Ein Hochzeitsmahl kannte man noch nicht. Die Zeremonie allein, die Schließung des Ehekontraktes vor dem Staat, vor der Kirche und vor Gott war der Mittelpunkt des Hochzeitstages. Nach dem männlichen 'Ja' Ferdinands und dem entschlossenen 'Ja' Ritas bot man etwas Wein und Kuchen an. Die Eheleute wechselten die Ringe, die vielleicht ein Geschenk der Freunde waren. Jedes weitere Geschenk war vom Stadtgesetz untersagt. Lediglich die Brautleute durften sich gegenseitig beschenken. Nach Beendigung des Zeremoniells küsste Ferdinand seine Rita und ließ sie dann "in der Obhut des Vaters" zurück. Er hatte die Zeit abzuwarten, nach der er laut Stadtgesetz mit Rita ein eheliches Leben beginnen durfte. Für die Mädchen Cascias galt hierfür das 18. Lebensjahr, die jungen Männer mussten in den hohen Zwanzigern stehen. Nun erst wurde das eigentliche Hochzeitsfest begangen, das beinahe biblisches Gepräge trug. Ferdinand schickte eine Gruppe von Freunden aus, die Rita zu holen und unter sein Dach zu geleiten hatten. ... Dies ist noch bis heute erhalten, wenn frommer Eifer es auch gründlich umgebaut hat. Auf dem Wege in das Haus des Bräutigams wurde Ritas Truhe vor ihr hergetragen, die heute noch in manchen Gegenden, die "Truhe der bräutlichen Hoffnung" heißt. In ihr waren die Garderobe Ritas, ihre Küchengeräte und die Geschenke für Ferdinand verwahrt, die sie ihm in ihrer Liebe geben wollte. Vor seinem Hause empfing Ferdinand seine junge Frau... Man begab sich ins Haus und begann mit der Verwandtschaft von Ferdinand Mancini das Festmahl. Für die Verwandten Ritas gab er nach einer Woche ebenfalls ein solches Mahl. Die Ausgaben hierfür waren vom Stadtrecht genauestens vorgeschrieben. Es wurde ein frohes Fest, bei dem die Brautführer mit Humor von den Abenteuern erzählten, die der Braut auf dem Wege zugestoßen waren. Manch einer der Freunde versuchte, ihr ein Geschenk zu überreichen. Diese Geste war vom Gesetze streng verboten. Zum allgemeinen Gaudium spannten die großen und die kleinen Spaßvögel hänfene Seile über die Straße, um den Hochzeitszug zu blockieren. Nun war es Sache der Brautführer, sich durch einen Zoll den Weg wieder frei zu machen. Auch dieser Spaß stand unter strengem Verbot;...
Mode
Die Mode zur Zeit der hl. Rita Auf alten authentischen Bildern trägt Rita keine eigentliche Ordenstracht, sondern ein besseres Stadtgewand; so war es allgemeiner Brauch vor dem Tridentinum. Wie die Damen und die Cavaliere (in den heute ärmlichen Sträßchen Cascias sind einst Damen und Cavaliere stolz einhergeschritten) sich zu kleiden pflegten, erfahren wir aus einem "Moralschriftchen", das sich im Kloster der hl. Rita fand. Es gibt uns sehr anschaulichen Aufschluss über das nicht gerade sehr belobte Modetreiben. Daraus zu schließen hatten die Schneiderinnen ein beachtliches Einkommen. Als Mannes Kleidung galt die mittelalterliche Kapuze, die auch von den hohen Herren Konsulen getragen wurde. Die Farben Cascias prangten in hellen leuchtenden Tönen an den Livrees der 2 Polizei-Offiziere und der 28 Polizisten und belebten das Straßenbild. Die Herren der Regierung legten Sorgfalt auf den Ausdruck ihrer Würde, der durch die Sitte ihrer gesellschaftlichen Kreise vorgezeichnet war. (Aus der "Moralschrift":) Auch sie wollten ihr Aussehen korrigieren und "zupften sich die Wimpern zurecht, säuberten die Stirn von jedem Härchen durch emsiges Rasieren", um ihr Köpfchen hübsch zu machen. Zu diesem Zwecke liegen sie, die Haare über die Schulter gelegt, in der Sonne, denn ein Kunstwasser hat die dunklen Haare erblonden lassen und nun muss jedem Erfordernis der Schönheit Tribut gezahlt werden. Die Frisur sollte majestätischen Ausdruck zeigen, "sie trugen hohe Haarwulste, Perlenschnüre in den Haaren, Gehänge von Perlen und Seidenfransen." An den Schuhen liebte man hohe Sohlen und Absätze um das, - so sagt der alte Moralist, - "vorzutäuschen, was Gott gar nicht gemacht hat". Und seht, da sitzt unsere kleine Eva des 15. Jahrhunderts vor dem Spiegel im Boudoir, "geschniegelt und gestriegelt", eine stolze, zierliche Eitelkeit, die den Kirchenbesuch nicht nur dazu benutzt, um geistliches Verstehen und Verzeihung zu gewinnen, sondern den entzückten Ausruf von schmeichlerischen Lippen zu vernehmen: "Was ist doch das für eine schöne Kreatur!"
 Historie Teil 3
Impressum
zu Seite 1 zu Seite 2 Moral (”Moralschriftchen) Quellen Geographische Lage Kirche Gesellschaft und Politik Kloster der S. Maria Magdalena zu Seite 3 Heiliges Jahr Friedensstifter Rosenkranzgebet Initialen auf dem Prunksarkophag ”Wunder”-Kriterien Wirtschaft Hochzeitsritual Mode
Friedensstifter
Da sie unter streitenden Parteien Frieden stiften wollte, ist damit gesagt, dass sie in einem gewissen Ansehen stand. Sollte ihre Friedensstiftung auch vom öffentlichen Gerichte anerkannt werden, so war die Rechtskundigkeit unerlässlich. Und schließlich durfte eine gute Portion Zivilcourage nicht fehlen, wollte man den Friedensschluss mit Autorität vertreten. Die Tätigkeit des Friedensstifters erwies sich als ein wahrer Bürgerdienst. Er verlangte Männer, die Prestige, Rechtskunde und Mut besaßen. Im Stadtrecht von Cascia ist die Kontur dieser Gestalt nicht klar umrissen. Ihr häufiges Eingreifen entfaltete sich meist im Hintergrunde der Öffentlichkeit. Jedoch hatte das Stadtrecht verbürgt, dass eine außergerichtliche Friedensstiftung Geltung haben sollte und die damit verbundenen Geldstrafen noch um ein Drittel reduziert seien. Dieser finanzielle Vorteil war ein verlockendes Argument im Munde eines Friedensstifters. Die meisten Zwangsmaßnahmen des Stadtgesetzes bestanden aus empfindlich hohen Geldstrafen. Cascia kannte fast kein Todesurteil. Die Stadt hatte lange Zeit hindurch die außergerichtliche Friedensstiftung begünstigt. Um das Jahr 1380 sah sich Cascia jedoch gezwungen, dieses Privileg gewaltig zu beschneiden. Fanceschini gibt uns in seinem Geschichtsbuch Cascias die Gründe dafür an: Wegen der hohen Kriegssteuer waren die Stadtkassen leer. Die Kosten der Kriege und Kleinkriege, die Erpressungsgelder, die an die wilden Söldnerscharen zu zahlen waren, um sie von der Stadt abzuhalten, das alles zwang zu einer Änderung des großzügigen Verfahrens. Die Friedensurkunden in den Rita-Dokumentationen sind alle von der Art, die rechtsmäßig im Gericht registriert werden konnten. Dagegen konnten Friedensstiftungen, die nach einem Morde notwendig wurden, offenbar nicht im Gerichte eingetragen werden, ohne einen Kriminalprozess in Bewegung zu setzen. Sie waren dazu bestimmt, geheimgehalten zu werden und im Archiv eines Klosters für immer aufbewahrt zu werden; wenigstens so lange, bis es erneut zum Friedensbruch kam. Nach einem Morde, - beispielsweise nach dem Morde des Mannes der hl. Rita, - kamen die Vorsitzenden der beiden Parteien, die ihren gegenseitigen Hass begraben wollten, vor drei rechtskundigen Friedensstiftern zusammen, deren Ehrbarkeit unantastbar sein musste. Die Oberhäupter der beiden Parteien schwörten ewigen Frieden. Im Falle des Friedensbruches wurde der Name des Schuldigen mit einer öffentlichen Brandmarkung geahndet und ganz Cascia sollte ihn einen Friedensbrecher und Verräter schelten. Die drei Friedensstifter hatten die Friedensurkunde zu veröffentlichen. Alle Unterschriften, die der Friedensstifter, des Notars, der Versöhnten und aller Beteiligten wurden gezeigt und dann der Stab über sie gebrochen und schließlich wurden sie als Wortbrecher gebrandmarkt. Es ist verständlich, dass dieses Amt Mannesmut voraussetzte; denn wer im Hasse fähig war, den Frieden wieder zu brechen, dem war es wohl auch zuzutrauen, sich an dem gründlich zu rächen, der seinen guten Namen in den Staub zu ziehen wagte. Im Kloster der hl. Rita ist uns nur eine einzige Friedensurkunde erhalten geblieben und zwar aus dem Jahre 1562. Die Namen der beiden Gegner sind Girolamo Flamineo und Marc Antonio Giovannbattista, beide aus Cascia. Sie erscheinen vor den Friedensstiftern Marc Antonio Cittadonio, Federigo Nikola und Toquato Fidato als Zeugen und Friedensfestiger und dem Notar Francesco Frenfranello. Es wäre natürlich schön gewesen, wenn wir die Friedensurkunde in Händen hätten, die nach dem Mord von Ritas Gatte ausgefertigt wurde. An deren Stelle haben wir aber noch mehr als eine solche! Nicht nur ein Dokument aus Papier, sondern ein Friedensfresko erzählt eine wundervolle Begebenheit. Über dem ersten Altar beim Eingang rechts in der Kirche des hl. Franz in Cascia war ein Freskobild, das eine Friedensstiftung zwischen zwei feindlichen Familien mit Friedenskuss und Umarmung darstellt. Offenbar war sie durch das Verdienst Ritas ... zustande gekommen. Ritas Gestalt war links neben den beiden Familiengruppen angebracht. Dieses Fresko wurde, soweit es die Versöhnungsszene der beiden Familien anzeigt, später (1504) mit dem Hammer abgeklopft. Aber jener Teil des Bildes, auf dem Rita gemalt war, blieb unangetastet. Im gleichen Jahre setzte man an die Stelle der Versöhnungsszene eine Madonna mit St. Luzia und St. Johannes in der gleichen Arbeitstechnik. Wieso geschah dies im Jahre 1504? Das war das Datum der letzten großen Revolution, die von den Ghibellinen unter einem gewissen Antonelli organisiert wurde. Sogar in Rom hatte man über die zu erwartende Revolte munkeln hören. Als das Gerücht deutlicher wurde, schickte der Papst den Podesta von Bevagna nach Cascia. Er stiftete Frieden und ließ Antonelli auf das Kruzifix schwören. Nichtsdestoweniger kamen die ängstlich verheimlichten Vermutungen nicht zum Schweigen. Tatsächlich fand sich eines Tages Antonelli mit 300 Reisigen hoch zu Ross ein. Der Sturm auf die Festung begann. Diese antwortete den Angreifern mit wohlzielenden kleinen Kanonen und bereitete ihnen eine wütende Vergeltung: zahlreiche Tote und Verletzte waren zu verzeichnen; die übrigen flohen. Später, im Jahre 1517, wurden alle diese Familien vertrieben. Als die Cascianer eines guten Tages wieder nach S. Francesco kamen, zeigte sich ihnen die nackte Wand über dem Friedensaltar als Beweis des sakrilegisch gebrochenen Friedens. Allein St. Rita verharrte noch als eine liturgische Gestalt in unbesiegbarer Friedenshaltung auf der zerstörten Wand. Und damit ist uns das älteste Rita-Bild erhalten geblieben: Ein Vermächtnis aus der tragischen Stunde einer jungen und heiligen Witwe.
Initialen
Das Werk "De gestis Domini Salvatoris" (Die Gesten des Heilands) von Simone Fidati, dem größten geistlichen Führer seiner Zeit (1295-1348) in Florenz, Rom und in der Umgebung von Cascia ist der Verehrung des Menschseins Christi gewidmet und ist der Schlüssel, um auch die Heiligkeit der Rita von Cascia zu verstehen. Diese im Mittelalter stark verbreitete Verehrung entstand im Rahmen der augustinischen theologischen Tradition, der sogenannten "Theologie des Herzens", deren berühmte Vertreterinnen die Augustinerheiligen Rita und Klara von Montefalco waren. Ziel der Verehrung des Menschseins Christi war das Teilhaben der Christen am Leben Christi, wie es uns von den Evangelien erzählt wird. Es sollte in der "ehelichen" Liebe gelebt werden, die jeden Gläubigen mit Christus vereint, vor allem im Teilhaben oder im "Mitleiden" an den schmerzlichsten Momenten seines Lebens, in erster Linie des Leidensweges des Kreuzes. Der Franziskanermönch, der hl. Bernhard von Siena, kleidete diese Verehrung in die Abkürzung JHS (Jesus Hominum Salvator, d.h.: Jesus, Retter der Menschen", die sich unter dem Volk derart verbreitete, dass sie als Zeichen des Schuztes auf den Türen der Häuser eingeprägt wurde. Dies wird zum Grund vieler Diskussionen unter den Theologen, denn nach Ansicht einiger wurde die Göttlichkeit Christi kompromittiert, die mit dem Zeichen XP (Khristos) ausgedrückt wurde. Ein anonymer Maler zeichnete in Alternative die zwei Monogramme auf dem Sarg, in den der Leib der hl. Rita von Cascia zehn Jahre nach ihrem Tode gelegt wurde, womit die hl. Rita auch unter den Theologen den Frieden stiftete.
Wirtschaft
Die Mauern Cascias und seine hoch aufragenden Türme erhoben sich stolz auf den blau-grün bewaldeten Höhen. Die Häuser der wohlhabenden Stadt trugen schon Ziegeldächer und die Cascianer waren nicht wenig stolz auf die Wasseranlage in Ocosce, an die ihre Stadt angeschlossen war, die zwar nicht im Überfluss die Wasserleitung versorgte, jedoch für alle ausreichend. Die hygienischen Vorkehrungen und Einrichtungen waren mustergültig und das Plätschern der Brunnen an schönen Plätzen der Innenstadt bestärkte den Eindruck der wohlhabenden Bürgerschaft. Hoch oben auf dem Kamm des Apennin verlief der Saumpfad des mittelalterlichen Handels von Florenz über Foligno und Cascia nach Neapel; so wurde aus dem Provinzstädtchen eine kleine Handelsmacht. Das bedeutete Wohlstand, Industrie, Forschritt und Humanismus und damit die Voraussetzung für geistiges und geistliches Leben. Es gab in Cascia Silberschmiede, Papiermühlen, Tuchfärber, Glasereien, Tuchwalker und Handwerker der verschiedensten Art. Rechtlichkeit im Handel, geeichte Maße in den Weinschenken, die Stempel der Gesundheitsbehörde in Metzgereien und Bäckereien und dergleichen sind im Stadtgesetz verankert, so dass dies alte Cascia der hl. Rita auf den modernen Menschen einen überraschenden Eindruck macht. Ihre äußere Umwelt war kein geschlossenes Ghetto. Durch die direkte Verbindung zu Florenz und Neapel kamen über die Kaufleute und deren Handelsknechte die Ereignisse und Neuigkeiten auf unmittelbarem Wege in diese rührige Stadt, deren Fenster, Türen und Horizonte weit aufgetan waren. Diese Glanzzeit des wirtschaftlichen Aufstiegs dauerte allerdings nicht lange, als Rom, die Stadt der Päpste, wegen seines Schismas in Ohnmacht lag. Sobald sie sich wieder effektiv zur Hauptstadt verwandelt hatte, musste der Handel andere Wege vorziehen und somit die Bedeutung Cascias in den Hintergrund treten. Auch der Wandel der Militärwesen trug seinen Teil bei; denn es war mit der Zeit unmöglich geworden, die engen Täler, welche die Stadt umgaben, mit geringen Kosten zu verteidigen. Rita erlebte den Niedergang ihrer Heimatstadt mit eigenen Augen. Für den geschichtlich Interessierten ist der Tod Martin V. als kritisches Jahr in der Historie Cascias als Anhaltspunkt gegeben.
Hochzeitsritual
Eine Cascianerin konnte sich ohne Zustimmung der Eltern weder verheiraten noch ins Kloster gehen. So wollte es die strikte Vorschrift des Stadtgesetzes. Gaben die Eltern nicht die Zustimmung zu Ritas Zukunft, wer kann ihr dann nach ihrem Tode beistehen? Vielleicht würde ein grausamer Betrüger über ihre Hand verfügen. Sogar die Herren Konsulen hätten das Recht der Vormundschaft über sie. Bei diesem Ereignis zählte Rita 14 Jahre. Durch die politische Endogamie wollte Cascia sich seine Macht sichern und so heiratete und verheiratete die Bourgeoisie nur im eigenen Kreis. Aus diesen Zusammenhängen kann man kaum annehmen, dass Ritas Mann nicht aus der gleichen sozialen Schicht stammt, obwohl er bäuerlich und guelfisch war. Hochzeitsfeier Es kam der Tag des juridischen Eheversprechens oder des juridischen Eheschlusses. Viele Einzelheiten einer solchen Feier sind uns bekannt. Das Stadtgesetz hatte für Hochzeiten und Hochzeitsfeiern kleinliche und exakte Vorschriften parat. die Freundinnen Ritas wünschten der kleinen Braut alles Glück. Die Eltern hatten Tränen stiller Freude in den Augen und waren selig, ihren bürgerlichen Traum endlich verwirklicht zu sehen. Die Feier konnte in der Kirche oder auch im Hause stattfinden und nach alter Überlieferung trank man dabei ein Gläschen guten Weines. Zehn Männer und zehn Frauen, die den Bräutigam ins Haus der Braut begleitet hatten, waren zugegen. Ein Hochzeitsmahl kannte man noch nicht. Die Zeremonie allein, die Schließung des Ehekontraktes vor dem Staat, vor der Kirche und vor Gott war der Mittelpunkt des Hochzeitstages. Nach dem männlichen 'Ja' Ferdinands und dem entschlossenen 'Ja' Ritas bot man etwas Wein und Kuchen an. Die Eheleute wechselten die Ringe, die vielleicht ein Geschenk der Freunde waren. Jedes weitere Geschenk war vom Stadtgesetz untersagt. Lediglich die Brautleute durften sich gegenseitig beschenken. Nach Beendigung des Zeremoniells küsste Ferdinand seine Rita und ließ sie dann "in der Obhut des Vaters" zurück. Er hatte die Zeit abzuwarten, nach der er laut Stadtgesetz mit Rita ein eheliches Leben beginnen durfte. Für die Mädchen Cascias galt hierfür das 18. Lebensjahr, die jungen Männer mussten in den hohen Zwanzigern stehen. Nun erst wurde das eigentliche Hochzeitsfest begangen, das beinahe biblisches Gepräge trug. Ferdinand schickte eine Gruppe von Freunden aus, die Rita zu holen und unter sein Dach zu geleiten hatten. ... Dies ist noch bis heute erhalten, wenn frommer Eifer es auch gründlich umgebaut hat. Auf dem Wege in das Haus des Bräutigams wurde Ritas Truhe vor ihr hergetragen, die heute noch in manchen Gegenden, die "Truhe der bräutlichen Hoffnung" heißt. In ihr waren die Garderobe Ritas, ihre Küchengeräte und die Geschenke für Ferdinand verwahrt, die sie ihm in ihrer Liebe geben wollte. Vor seinem Hause empfing Ferdinand seine junge Frau... Man begab sich ins Haus und begann mit der Verwandtschaft von Ferdinand Mancini das Festmahl. Für die Verwandten Ritas gab er nach einer Woche ebenfalls ein solches Mahl. Die Ausgaben hierfür waren vom Stadtrecht genauestens vorgeschrieben. Es wurde ein frohes Fest, bei dem die Brautführer mit Humor von den Abenteuern erzählten, die der Braut auf dem Wege zugestoßen waren. Manch einer der Freunde versuchte, ihr ein Geschenk zu überreichen. Diese Geste war vom Gesetze streng verboten. Zum allgemeinen Gaudium spannten die großen und die kleinen Spaßvögel hänfene Seile über die Straße, um den Hochzeitszug zu blockieren. Nun war es Sache der Brautführer, sich durch einen Zoll den Weg wieder frei zu machen. Auch dieser Spaß stand unter strengem Verbot;...
Mode
Die Mode zur Zeit der hl. Rita Auf alten authentischen Bildern trägt Rita keine eigentliche Ordenstracht, sondern ein besseres Stadtgewand; so war es allgemeiner Brauch vor dem Tridentinum. Wie die Damen und die Cavaliere (in den heute ärmlichen Sträßchen Cascias sind einst Damen und Cavaliere stolz einhergeschritten) sich zu kleiden pflegten, erfahren wir aus einem "Moralschriftchen", das sich im Kloster der hl. Rita fand. Es gibt uns sehr anschaulichen Aufschluss über das nicht gerade sehr belobte Modetreiben. Daraus zu schließen hatten die Schneiderinnen ein beachtliches Einkommen. Als Mannes Kleidung galt die mittelalterliche Kapuze, die auch von den hohen Herren Konsulen getragen wurde. Die Farben Cascias prangten in hellen leuchtenden Tönen an den Livrees der 2 Polizei-Offiziere und der 28 Polizisten und belebten das Straßenbild. Die Herren der Regierung legten Sorgfalt auf den Ausdruck ihrer Würde, der durch die Sitte ihrer gesellschaftlichen Kreise vorgezeichnet war. (Aus der "Moralschrift":) Auch sie wollten ihr Aussehen korrigieren und "zupften sich die Wimpern zurecht, säuberten die Stirn von jedem Härchen durch emsiges Rasieren", um ihr Köpfchen hübsch zu machen. Zu diesem Zwecke liegen sie, die Haare über die Schulter gelegt, in der Sonne, denn ein Kunstwasser hat die dunklen Haare erblonden lassen und nun muss jedem Erfordernis der Schönheit Tribut gezahlt werden. Die Frisur sollte majestätischen Ausdruck zeigen, "sie trugen hohe Haarwulste, Perlenschnüre in den Haaren, Gehänge von Perlen und Seidenfransen." An den Schuhen liebte man hohe Sohlen und Absätze um das, - so sagt der alte Moralist, - "vorzutäuschen, was Gott gar nicht gemacht hat". Und seht, da sitzt unsere kleine Eva des 15. Jahrhunderts vor dem Spiegel im Boudoir, "geschniegelt und gestriegelt", eine stolze, zierliche Eitelkeit, die den Kirchenbesuch nicht nur dazu benutzt, um geistliches Verstehen und Verzeihung zu gewinnen, sondern den entzückten Ausruf von schmeichlerischen Lippen zu vernehmen: "Was ist doch das für eine schöne Kreatur!"
  Historie    Seite 3
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zu Seite 2 zu Seite 1 Moral (”Moralschriftchen) Quellen Geographische Lage Kirche Gesellschaft und Politik Kloster der S. Maria Magdalena zu Seite 3 Friedensstifter Heiliges Jahr Initialen auf dem Prunksarkophag Rosenkranzgebet Wirtschaft ”Wunder”-Kriterien Hochzeitsritual Mode