Moral (”Moralschriftchen)
Das kleine Moralschriftchen, das noch in die Zeit Ritas hineinreicht und das dort in ihrem Kloster wiederentdeckt wurde, offenbart in aufschlussreichen und verhaltenen Worten die Gedanken und die Welt, in der sie lebte und die sie umgab. So ist die Rede von dem oberflächlichen Christentum, mit dem sich die Töchter Evas z.T. begnügten. Dafür verwendeten sie umso mehr Zeit für den Kult der Schönheit, der fast jeden Trick der modernen Kosmetik kannte (s.a. Mode). Der Verfasser der Moralschrift lässt sich allerdings nicht vom frommen Augenaufschlag der Cascianerin beschwichtigen. Er nimmt sie ins Verhör und zwingt sie zu einer Gewissenserforschung, die beinahe keine Schwächen unentdeckt lässt und damit ein vollendetes Zeitbild gibt. "Du bist aufdringlich bei deinem Manne gewe-sen, damit du viele Kleider kaufen konntest und noch vieles mehr, als sein Vermögen ihm gestattet! Du kleine Heuchlerin! Du machtest ohne Wissen deines Mannes mächtige Ausgaben mit jenem Geld, das für den Haushalt bestimmt war; trotzdem trägst du einen langen Rosenkranz und setzt eine fromme Miene auf! Duckmäuserin mit deinem langen Rosenkränzchen, willst du den lieben Gott vom Kreuze holen oder seine Heiligenbilder von der Wand?" Muss man nicht lächeln über diese unbesiegbare Weiblichkeit, die sich so lebhaft und aufdringlich gibt? Sie beweist allzu deutlich, dass unsere Rita nicht unter den Heiligen des Paradieses ihre Tage zubrachte, sondern unter Frauen von normaler moralischer Erscheinung, unter lauter gewöhnlichen, armen und diskutierbaren Kindern Cascias. Um uns Einsicht über das Milieu von Cascia gewinnen zu lassen, ... wir weiter in den Ausführungen des Moralschriftchens, das auch die Söhne Adams nicht ungeschoren lässt. Auch sie waren nicht alle Heilige. Sie zogen es z.B. vor, "die schöne Gelegenheit der gebotenen Festtage zu vergeuden mit Ritterspiel und Tanz, mit Singen zu Gitarren, mit Würfel, Karten, Ball- und Schachspiel". - "Gern fingen sie Streit an, aßen und schliefen im Übermaß, betrogen den Nächsten, vergeudeten ihre Zeit und taten anderen, was sie auf keinen Fall sich selbst zu tun wünschten". Auch sie vergaßen damals "Gott zu danken für ihre Gaben und Talente, für ihre Gesundheit und Schönheit, für ihren Reichtum und für ihre Kinder". - "Sie brachten es nicht fertig, dem Nachbarn zu verzeihen, sie beteten nicht für ihre lieben Toten, sie vollstreckten nicht einmal ihr Testament und zahlten nicht ihre Schulden". In der Schenke führten sie eine lose Zunge: "Gott hätte das nicht machen dürfen", - "Gott hat das gar nicht schön gemacht". Nicht anders als die putzsüchtige Eva ging auch der eitle Adam nur allzu oft aus dem Grunde zur Kirche, damit er schöne Mädchen sähe, wenn er es nicht gar vorzog, außerhalb zu bleiben und "auf dem Platze auf und ab zu stolzieren, mit den Augen an den Fenstern und spähend nach einem hübschen Gesichtchen". Ausgesprochen schwierig scheinen die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern gewesen zu sein: "Du hast deinen Eltern böse Antworten gegeben, hast über sie zu Hause und in der Öffentlichkeit gemurrt; du hast sie verlacht und ihnen nicht behilflich beigestanden, wo sie auf dich angewiesen waren...". Motive zu heimlichen Tränen gab es also auch in den Häusern jenes Cascia, das nun seit 500 Jahren nicht mehr ist. Und das arme Fleisch? In nichts unterscheidet es sich von den heutigen Tatsächlichkeiten. "Du hast dich verliebt und bist zur Messe gegangen nur deiner Liebsten wegen, du hast geküsst und umarmt..., ihretwegen hast du Streit angefangen und deine hitzigen Worte ließen die Degen klirren..., du hast dich vor anderen deiner Sünden gerühmt, auch derjenigen, die du gar nicht begangen hattest. Du sagtest: 'O, wenn ich ein Vöglein wär', flög' ich in das Kämmerchen meiner Flamme', ... du hast Anderen das schlimmste Beispiel gegeben...". Das Register ist wie eine zeitlos gültige Gewissenserforschung; - und solch ein junger Mann warb um Rita, liebte und heiratete sie. Ein ausführlicher Sündenkatalog wird in der Moralschrift verzeichnet: Raub, grober Diebstahl, Wucher, Simonie (= Kauf oder Verkauf von geistlichen Ämtern oder Dingen). Alle Schwächen ziehen am scharfen Auge des Inquisitors vorüber: "Du hast betrogen beim Kaufen und Verkaufen, du hast geschworen, um größeren Kredit zu machen, du hast Falschgeld unter das gute gemischt, du hast geschwindelt an der Waage..., hast gestohlene Dinge gekauft..., vom hohen Rosse herab hast du den armen Bauern geschädigt und deine Pferde durch sein Getreide gejagt". Scheinbar war also der stolze Ritter mit dem Falken auf der Hand nicht immer von ritterlicher Gesinnung. Als schlimmste Anklage gegen eine stolze Cascianerin aber galt jener Vorwurf: "Deine Mitgift ist gestohlenes Gut, Frucht aus dem Wucher deines Vaters!" Die Handelsmoral ist diejenige der Paragraphen des Stadtgesetzes, das die gleichen Vergehen verhüten wollte: "Beim Kartenspiel hast du die anderen listig hintergangen..., du hast den Arbeitern den Lohn vorenthalten..., du hast gekauft und nicht bezahlt..., hast Schaden zugefügt, ohne ihn zu ersetzen..., das Brot eher den Hunden als den Armen gegeben..., und wenn du schon mit herablassender Geste Almosen gabst, so geschah es mit mürrischer Miene..., du fälltest als Schiedsrichter unwahren Spruch, weil du dich nicht kümmerst um Recht und Unrecht, aus Freundschaft und aus Liebe zum Bestechungsgeld". Auch dies klingt uns nicht allzu fremd in den Ohren. Geiz, Esslust, Trinklust und das arme Fleisch (in dieser Reihenfolge!) sind die Haupttendenzen, die der strenge Moralist zuletzt hernimmt, weil man damals wusste, dass die Laster des Stolzes, des Neides, des Zorns und des Sich-gehen- lassens weit verhängnisvollere Ausflüchte für das Menschenherz sind. Inmitten dieser Menschheit und Menschlichkeit hat Rita ein Leben in Heiligkeit und seelischer Transparenz geführt. Von ihren Mitbürgern hat der Wind auch das letzte Körnchen Staub verweht; sie aber lebt seit 500 Jahren weiter für Tausende ihrer Verehrer und Bewunderer. Wer über Heiligkeit vergangener Zeiten berichtet, kommt in die Versuchung, dem heutigen Rahmen der religiös - gesellschaftlichen Kritik einen idealisierten historischen gegenüber zu stellen. Sicher ist das nicht die Wirklichkeit. Immer gibt der Mensch mit seiner Menschlichkeit das Maß. Wer also heilig werden will, muss den Mut besitzen, unter den Zeitgenossen zu leben, die Gutes und Böses in sich vereinen. Mit sehr betonten Akzenten spricht das Schriftchen von Stolz, Zorn, Neid und von dem totalen Sich-gehen-lassen, so dass die Beschreibung vom Leser unwillkürlich als persönliche Herausforderung verstanden werden muss. Auch unsre Heilige wird sich solche Worte zu Herzen genommen haben, die unmissverständlich von der Kanzel fielen; denn es zittern eher die Heiligen denn die Sünder. "Der Stolz ist ein Hochmut des Geistes. Stolz heißt, sein Haupt erheben und andere verachten; Stolz heißt, die anderen übertrumpfen: Du hast dich immer mit dem Verlangen getragen, die anderen zu kommandieren..., du hast dich in Überheblichkeit gewiegt wegen deines Reichtums, wegen deines Namens, wegen deiner Beredsamkeit, der Schönheit deiner Gestalt und des Adels deines Blutes..., auch wegen deiner Gewandung..., du hast danach getrachtet, die Fehler anderer zu erfahren..., du hast dich gefreut, wenn andere eine skandalöse Tat begingen, um nicht allein als Sünder zu erscheinen..., du warst arrogant im Tadeln der anderen..., du hast die Armen, Gebrechlichen und einfachen Leute verachtet..., du hast dich ins Licht gestellt, mehr als es deine Tüchtigkeit und die Arbeit deiner Hände es dir erlaubt hätten..., du hast dich gebrüstet, zu haben, was du nicht hast, zu wissen, was du nicht weißt, zu können, was du nicht kannst..., du hast bei Tisch den ersten Platz begehrt, ebenso bei der Predigt, beim Tanz und in der Politik..., du hast das Gute der anderen gelästert: '...der weiß nichts, der versteht nichts'..., nur um selber gelobt zu werden..., du hast dir selber mehr geglaubt als dem, der das größere Wissen besaß..., du hast dem Bösen eher gehorcht als dem Guten." Frauen und Männer zu Ritas Zeiten sind also von unseren Zeitgenossen nicht sehr verschieden. Aber anzuerkennen ist der Mut, mit dem sie die eigene moralische Erscheinung im Spiegel der Selbstbetrachtung unbarmherzig annehmen. Die Rüge gegen den Neid, das wie ein grünäugiges Ungetüm sich in vielen erbärmlich-kleinlichen Seelen verbirgt, ist geradezu halluzinierend: "Es hat dir leid getan, Menschen zu sehen, die einen gewichtigeren Namen tragen als du, weil du deshalb deinen eigenen Namen schon geschmälert glaubtest..., aus Neid hast du Gottes Gnade verschmäht, hast getrauert, weil Gott andere mehr liebt als dich..., aus Neid wünschtest du die Vernichtung des anderen, die Vernichtung seines guten Namens, seines Eigentums, ja seiner Person..., aus Neid brachst du den Amtseid..., du freutest dich, als deinem Feinde Unglück geschah..., du hast dich ergötzt an der Verzweiflung der anderen...". In einem Cascia, das sich von der Vendetta, dem Rachesystem, zerfleischen ließ, darf es niemanden wundern, wenn Zorn gleichbedeutend ist mit der Lust und Gier nach Rache. Wie viele konnte man dieser Sünde zeihen! Oft ging die Rache weit über das Maß des geschehenen Unrechts hinaus: "Anstatt eines Faustschlages möchtest du ihm mit dem Messer antworten, ihn vielleicht sogar töten". Die Gewissenserforschung geht noch weiter: "Du bist so sehr gegen den anderen erbost, dass du nichts Gutes von ihm und seiner Familie hören kannst..., du bringst es nicht fertig, dein Herz zu demütigen, um wieder mit ihm zu sprechen, ihm zu verzeihen; ... du siehst es nicht gern, wenn dies jemand tut und lässt sie dafür büßen..., aus Zorn hast du Verleumdungsbriefe geschrieben..., du hast aus Zorn den Teufel verflucht, den Wind, das Wasser, die Kälte, die Hitze und die Fliegen, den Tag und die Stunde deiner Geburt, Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Hölle, Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, Söhne und Prälaten..., aus Zorn grolltest du gegen Gott. 'Du grausamer Gott, warum tust du das?' " ... Vor diesem Verrat am natürlichen und göttlichem Leben mit der tragischen Parallele des verratenen Talentes will die Moralschrift möglichst Viele bewahren: "Du ließest dich so gehen; du wolltest nicht aus dem Hause, auch nicht, um die notwendigsten Besorgungen zu machen..., du ließest dich so weit gehen, dass du dich selber hassen musstest..., dass du mit niemanden reden wolltest..., du hast dich der Faulheit überlassen..., du hast dich so an die Launenhaftigkeit verloren, dass, jemand dir sagte: 'Gott gebe dir einen guten Tag', du ihm nicht einmal antworten wolltest..., du hast mit Nichtigkeiten deine Zeit vergeudet, bist über die Plätze und durch die ganze Stadt, ja in die ganze Umgebung geschlendert, hast dich da und dort mit Tändeleien ergötzt, hast nichts Gutes für deinen Leib getan und noch weniger für deine Seele; und die Beichte hast du sogar bist Ostern verschoben..., den Kranken deines Hauses gabst du keine Gelegenheit zum Empfang der Sakramente." Cascia war trotz allem immer bereit, Gottes Antlitz auch im menschlichsten Zwielicht zu erkennen und zwar in jeglichen Lebenssituationen, in den gewöhnlichsten und den erhabensten, im Boudoir (= elegantes, privates Zimmer einer Dame), im Geschäft, beim Gesang, beim Tanz und in der Politik. Und siegte zuweilen der böse Wille, - oft genug war ein Fall nur die Folge eines schwachen, nicht aber eines bösen Willens, der in seiner Gottferne die Stimme des Gewissens nicht mehr klar vernehmbar hören konnte, - so war im letzten die Macht der Liebe, die sich einem größeren Herrn zu diensten gibt, doch noch triumphierenden.
Geographische Lage
Cascia ist eine der ausgedehntesten, gebirgigsten und höchstgelegenen Gemeinden von Umbrien. Durch ein Labyrinth von Bergen, die den Eindruck der Isolierung erwecken, gelangt man dorthin. Cascia wurde 1328 und im 1700 Jhd. von einem Erdbeben erschüttert.
Gesellschaft und Politik
Gesellschaft Dichte Wälder überzogen die umbrischen Berge und ließen an der öffentlichen Sicherheit manches zu wünschen übrig. Die Armen verspürten ihr Armsein in einer weit größeren Bitterkeit und die Reichen konnten sich keineswegs mit unserer heutigen Vorstellung von Reichtum messen. Der soziale Abstand jedoch war eine unüberbrückbare Kluft, die den Armen verbittern, den Reichen selbstherrlich werden ließ. Ein Menschenleben hatte keinen allzu großen Wert; wer als Kind dem Schrecken der Pest entkam, konnte in die Hände jener ruchlosen Söldnerscharen fallen, die im Dienste großer oder kleiner Herren oder sogar auf eigene Faust das Land plündernd, sengend, raubend und mordend durchzogen. Hohe Summen von Brandschatzgeldern waren zu zahlen, wollte man sich diese Horden des Unglücks vom Leibe halten. Im Jahre 1394 ... "verübten die Cascianer alle Art von Brandschatzung, Diebstahl, Raub, Einkerkerung, Mord, Baumschaden und Frauenraub gegen die Stadt von Aquila", so wissen die Dokumente zu berichten. Wohl verzieh diesmal die Stadt Aquila großzügig das Unrecht. Aquilas König, Ladislaus von Neapel, verbot seinen Leuten sogar die sogenannte "Cavalcata", den Racheritt gegen Cascia. Diese Scharmützel gingen jedoch nicht immer so glimpflich aus. In der Regel war eine wütende Rache, die sog. "Vendetta", das blutige Ende, die wie eine Drachensaat voller Hass und Grausamkeit die einzelnen Bürger von Cascia in einen Bann von Leid und Elend schlug. Der Racheritt eines Kleinstaates folgte dem einer anderen Kleinrepublik auf dem Fuße. In wilder Besessenheit jagten Aufgebrachte ihre Pferde durch Felder und Ansiedlungen, brandschatzten und zerstörten nach Gutdünken, um es von den Überfallenen bei gegebener Zeit wieder mit Zinsen heimgezahlt zu bekommen. Auch gab es eine Art erlaubter oder geduldeter Vergeltungsmaßnahme privater Art, wobei die Wiedergutmachung von vermeintlichen Rechtsschäden erzwungen werden konnte; allerdings nur von den Bürgern anderer Städte und niemals von eigenen Mitbürgern. Die Cascianer zur Zeit der hl. Rita hätten uns um das heutige System der öffentlichen Sicherheit beneidet, das wir so oft kritisieren. Nach Einbruch der Dunkelheit konnten sie das Haus nicht verlassen, ohne als gefährliche Räuber angesehen zu werden. Wollte z.B. ein Arzt im Dienste des nachts durch die Stadt, so musste er sich durch eine Fackel oder Laterne erkennbar machen. Am Tage hörte die öffentliche Sicherheit an der Stadtmauer auf. Außerhalb der Mauer trieben sich die in Acht und Bann lebenden Opfer der Justiz von Cascia herum. Das Stadtgesetz nennt sie "ex-banditi" und will sie so schnell und unauffällig wie möglich verschwinden lassen; dasselbe Gesetz aber ist der Ausgangspunkt immer neuer zwielichtiger Gestalten. Auch der uralte Ehrenkodex des Rachezwanges verweist in diese Richtung. In der humanistischen Geschichtsperiode Cascias waren die Frauen nicht ohne Kultur: Viele konnten lesen, andere auch schreiben. Unter der Parole "Freiheit" hatte sich Cascia 1375 mit Florenz verbunden. 1377 hatte es den päpstlich-guelfischen Podesta vertrieben. Kurz vorher, 1375, ließen sich die Ghibellinen, sicher nicht aus reiner Liebe, mit dem kleinen Volke von Cascia ein. Die Guelfen paktierten ihrerseits aus ähnlichen Motiven mit der Bürgerschaft, die durch einen politischen Schwindel im Jahre 1348 das niedrige Volk um seine Rechte betrogen hatte, nur um alle Macht an sich zu reißen. Außerhalb der Stadt war die Situation nicht besser. Banden und Banditen durchschwärmten die Gegend. Das politische Leben Der richterliche und exekutive Zweig von Cascias Regierung wurde von dem "Podesta", dem Bürgermeister mit seinem Vikar und seinem Statthalter, ferner von 4 Richtern, den 2 Polizei-Offizieren und den 28 Polizisten gebildet. Diese Ämter wurden alle 6 Monate neu besetzt und zwar mit Männern aus der näheren oder weiteren Umgebung, nie aber von Cascianern selbst. Jeder dieser Regierungswechsel kostete dem Stadtsäckel 700 Gulden. Cascias Bürger verlangten von den fremden Regierungsbeamten absolute Neutralität und Rechtlichkeit. Sie durften sich weder mit dem Adlerwimpel (Hoheitszeichen der Ghibellinen), noch mit den Lilienfähnchen (Hoheitszeichen der Welfen bzw. Guelfen), zeigen. Eine sprichwörtliche Unbestechlichkeit sollte ihre Qualität unter Beweis stellen. Hielt dieser Beweis auch stand? Sie regierten mit anmaßender Allmacht und Allwissenheit, die sie sich durch Spitzel und Spione zu verschaffen wussten. Diese wiederum entwickelten bei ihren dunklen Geschäften einen sehr verdächtigen Eifer; bekamen sie ja von den eingeforderten Geldstrafen die Hälfte als Lohn. Und doch konnte niemand beweisen, ob dieses unsaubere Geld zuweilen nicht in den Taschen der Regierenden selbst blieb. Den gesetzgebenden Zweig der Regierung bildeten die Bürger Cascias. Dazu gehörten die 24 Konsulen, - 4 für je zwei Monate-, die 24 Ratsherren, die 24 Sachverständigen und die 70 Beisassen. Berufsmilitär konnte die Stadt nicht un-terhalten. Dafür hatten 200 Bürgersoldaten die Ehre, im Kriegsfalle für das Vaterland zu sterben. Gelegentliche Zwiste zwischen Bürgertum und gewöhnlichem Volk, zwischen Welfen und Ghibellinen waren nicht selten. Das Gespenst der Blutrache trieb all zu oft sein Unwesen. Durch das Stadtgesetz selbst, das fast keine Todesstrafe vorsah, dafür aber umso ausbeuterische Geldbußen, wurden die kleinen Leute zum Banditentum angestiftet. Die Söhne der besseren Familien zwang es im Falle eines Konfliktes in das politische Exil. In den benachbarten kleinen Republiken führten sie auf deren Festungen den Soldatendienst aus. Kamen sie bei kriegerischen Händeln wieder mit den Cascianern zusammen, so wurden sie bei der Gefangennahme sofort hingerichtet. Ein so Geächteter in Acht und Bann (ex-bandito), war nichts anderes als ein gehetztes Tier, völlig rechtlos der Willkür preisgegeben. In Zivilfällen konnte er also von jedem niedergeschlagen werden, wenn es nur nicht zum Blutvergießen kam. Bei kriminellen Vor- kommnissen durfte es nur nicht zum Totschlag kommen; die Hinrichtung selbst war ja in Cascia zu vollstrecken. Ein menschlicher Zug im Gesetzbuch Cascias gab den streitenden Parteien die Möglichkeit, sich außerhalb des Gerichtes zu versöhnen; und zwar mit sehr günstigen legalen Folgen im Gerichtshof selbst. Bei einer solchen Versöhnung wurden sämtliche Geldstrafen um ein Drittel gekürzt. Leider war die Staatskasse immer leer und Cascia konnte sich diese Großherzigkeit nicht all zulange leisten. Um das Jahr 1380 wurden die finanziellen Vergüns-tigungen der außergerichtlichen Versöhnungen wieder beschnitten. Es ist unschwer, sich vorzustellen, dass viele Cascianer vor Torschluss zur Versöhnung mit ihrem Gegner bereit waren. Erst kürzlich wurden gegen 20 solcher Versöhnungsurkunden aus den Jahren 1380 - 1381 veröffentlicht. Vendetta (Blutrache) Es war keine Außergewöhnlichkeit, im Parteihader der Guelfen und Ghibellinen ein Opfer der erhitzten Gemüter zu werden. Infolge alter Rachezustände und aufgrund der Gegensätze zwischen dem Bürgertum und dem einfachen Volke kam es immer wieder zum Blutvergießen. Die politischen Kämpfe, die Zusammenstöße zwischen Stadt und Land, die andauernde Drohung der wilden Kriegeshorden, die unablässig die kleinen Republiken umschwärmten, wie auch die Kettenreaktionen bei Familienrachen brachte zunächst das Leben der Höherstehenden in Gefahr, wogegen das der Armen zumeist verschont blieb. Sie starben als Opfer der zahlreichen Zeitkrankheiten. Ferdinand aber wurde von Verrätern und satanischem Gesindel meuchlings ermordet. Mit dieser unseligen Tat war nicht nur der Tod des Vaters geplant, sondern man suchte auch die Söhne zu vernichten und somit den Namen Mancini auszurotten. Diese abscheuliche Untat konnten die Übeltäter direkt vom Gesetze durchführen lassen. Denn falls sie über das Stadtgesetz informiert waren, - wahrscheinlich waren es selber auch Advokaten, - so hätte es genügt, die Jungen zu einer Vergeltungsmaßnahme anzueifern. Sie brauchten ihnen nur zuzuraunen, dass sie die Scheune des Mörders, seinen Schuppen oder sein einsames Haus anzünden sollten. Taten die Jungen wirklich etwas Ähnliches, so waren sie der Todesstrafe verfallen; denn das Gesetz forderte Todesstrafe auch schon für 14-jährige Jungen, die ein zufällig bewohntes Haus angezündet hatten. Die Verräter bräuchten also nur schwören oder schwören lassen, dass die Brandstiftung an einem bewohnten Gebäude stattgefunden hatte - und schon waren Ritas Söhne lauf Gesetz zum Tode verurteilt. Leider ist diese Mutmaßung kein Roman, sondern eine Wahrscheinlichkeit, die im Rahmen Cascias ernsthaft in Betracht gezogen werden muss. Ein alter Hymnus besingt Rita als Mutter, als liebevolle Mutter ihrer Kinder und als Schmerzensmutter derselben: Also ist die Tragödie in Ritas Familie verbürgt. Dann folgen im gleichen Hymnus zwei mysteriöse Zeilen, die dringend eine Erklärung verlangen: "Rita, du hast das Exil vermieden, damit ihnen kein qualvoller Henkertod zuteil werde". In der Sprache Cascias heißt 'Exil' immer politisches Exil. Fiel auf die Söhne der bürgerlichen Familien die Todesstrafe, so pflegten sie in die Festungen der umliegenden kleinen Republiken zu fliehen, um sich dort als Soldaten zu verdingen. Wurden sie dann bei gelegentlichen Kriegshändeln von den Cascianern gefangengenommen, so folgte unten am Corno-Fluss die Enthauptung. Es wurden dort zahlreiche Gebeine gefunden. Für Rita sprechen also alle Umstände, dass sie wirklich um den Tod der Söhne betete, damit die Schande des Henkertodes ihrer Familie erspart bleiben möge. Hätten sich die Söhne in Acht und Bann in den Wäldern vor Cascia herumgetrieben, so müssten sie das Leben von gehetzten Tieren führen, immer in Gefahr, von den Verfolgern niedergeschlagen zu werden mit der einzigen Einschränkung: 'ohne zu töten' - . War der Schuldige schon zum Tode verurteilt, dann wollte man den Pöbel nicht um das Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung bringen. Ein alter Zeuge berichtet, wie Rita das blutbefleckte Hemd ihres ermordeten Mannes vor den Söhnen versteckt hielt. Dieses corpus deliktum vor Augen hätte die Söhne zu einem wahnsinnigen Racheakt angespornt. Und dann traf die immer schon geahnte Befürchtung Ritas ein: Brandstiftung wurde zur tödlichen Falle ihrer Kinder, die möglicherweise das Stadtgesetz noch gar nicht kannten oder wenigstens nicht die Tragweite des Tatbestandes. Wie oft musste sie beobachten, dass die Gespräche verstummten, sobald sie in einen Kreis von Leuten eintrat, die nichts besseres zu tun hatten, als Rita mit Worten zu quälen: "Wenn eine Rache geschieht, musste wohl auch eine Ursache da sein". Üble Nachreden dieser Art waren mit einer Geldstrafe von 25 Gulden belegt. Wer jemanden, bis hinauf ins vierte Geschlecht, eine Gewalttätigkeit vorwarf, der sollte jedes mal mit einer schweren Geldbuße zurecht gewiesen werden, so wollte es das Gesetz. Wer aber kann durch ein Gesetz böse Gedanken und Worte fernhalten? Die alte Biographie stammt aus der Zeit, in der nicht wenige Frauen von der eigenen Familie hinter den Klostermauern begraben wurden. Auch im Cascia der hl. Rita führte bürgerliche Eitelkeit dazu, die erste Tochter mit überreicher Mitgift standesgemäß zu verheiraten und die anderen logischerweise ins Kloster zu stecken. An und für sich hätte die Aufnahme Ritas ja den Klosterfrieden sehr in Gefahr gebracht; denn das Stadtrecht von Cascia setzte voraus, dass ein unschuldiges Opfer wie Rita im Hassbann der Vendetta blieb und die klösterliche Gemeinschaft so unschuldigerweise bedrohen konnte. Schließlich hätten sich auch noch finanzielle Folgen einstellen können, wenn eine Nonne, dann gewiss nicht die heiligste, sich auf die tragischen Ereignisse in Ritas Familie entsonnen und darauf angespielt hätte; sicher müsste das Kloster dann mehr als einmal die gesetzliche Geldstrafe von 25 Gulden entrichten. Die Aufnahme Ritas ist ein wahres Zeichen für die Tatsache einer selbst vollzogenen Friedensstiftung.
 Historie Seite 2
Impressum zu Seite 1							zu Seite 2   Moral (”Moralschriftchen)  Quellen 							Geographische Lage  Kirche							Gesellschaft und Politik  Kloster der S. Maria Magdalena			 zu Seite 3 Heiliges Jahr 		 Friedensstifter 			 Rosenkranzgebet					Initialen auf dem  Prunksarkophag 	 ”Wunder”-Kriterien					Wirtschaft  								Hochzeitsritual   								Mode
Moral (sogen. ”Moralschriftchen”)
Das kleine Moralschriftchen, das noch in die Zeit Ritas hineinreicht und das dort in ihrem Kloster wiederentdeckt wurde, offenbart in aufschlussreichen und verhaltenen Worten die Gedanken und die Welt, in der sie lebte und die sie umgab. So ist die Rede von dem oberflächlichen Christentum, mit dem sich die Töchter Evas z.T. begnügten. Dafür verwendeten sie umso mehr Zeit für den Kult der Schönheit, der fast jeden Trick der modernen Kosmetik kannte (s.a. Mode). Der Verfasser der Moralschrift lässt sich allerdings nicht vom frommen Augenaufschlag der Cascianerin beschwichtigen. Er nimmt sie ins Verhör und zwingt sie zu einer Gewissenserforschung, die beinahe keine Schwächen unentdeckt lässt und damit ein vollendetes Zeitbild gibt. "Du bist aufdringlich bei deinem Manne gewe-sen, damit du viele Kleider kaufen konntest und noch vieles mehr, als sein Vermögen ihm gestattet! Du kleine Heuchlerin! Du machtest ohne Wissen deines Mannes mächtige Ausgaben mit jenem Geld, das für den Haushalt bestimmt war; trotzdem trägst du einen langen Rosenkranz und setzt eine fromme Miene auf! Duckmäuserin mit deinem langen Rosenkränzchen, willst du den lieben Gott vom Kreuze holen oder seine Heiligenbilder von der Wand?" Muss man nicht lächeln über diese unbesiegbare Weiblichkeit, die sich so lebhaft und aufdringlich gibt? Sie beweist allzu deutlich, dass unsere Rita nicht unter den Heiligen des Paradieses ihre Tage zubrachte, sondern unter Frauen von normaler moralischer Erscheinung, unter lauter gewöhnlichen, armen und diskutierbaren Kindern Cascias. Um uns Einsicht über das Milieu von Cascia gewinnen zu lassen, ... wir weiter in den Ausführungen des Moralschriftchens, das auch die Söhne Adams nicht ungeschoren lässt. Auch sie waren nicht alle Heilige. Sie zogen es z.B. vor, "die schöne Gelegenheit der gebotenen Festtage zu vergeuden mit Ritterspiel und Tanz, mit Singen zu Gitarren, mit Würfel, Karten, Ball- und Schachspiel". - "Gern fingen sie Streit an, aßen und schliefen im Übermaß, betrogen den Nächsten, vergeudeten ihre Zeit und taten anderen, was sie auf keinen Fall sich selbst zu tun wünschten". Auch sie vergaßen damals "Gott zu danken für ihre Gaben und Talente, für ihre Gesundheit und Schönheit, für ihren Reichtum und für ihre Kinder". - "Sie brachten es nicht fertig, dem Nachbarn zu verzeihen, sie beteten nicht für ihre lieben Toten, sie vollstreckten nicht einmal ihr Testament und zahlten nicht ihre Schulden". In der Schenke führten sie eine lose Zunge: "Gott hätte das nicht machen dürfen", - "Gott hat das gar nicht schön gemacht". Nicht anders als die putzsüchtige Eva ging auch der eitle Adam nur allzu oft aus dem Grunde zur Kirche, damit er schöne Mädchen sähe, wenn er es nicht gar vorzog, außerhalb zu bleiben und "auf dem Platze auf und ab zu stolzieren, mit den Augen an den Fenstern und spähend nach einem hübschen Gesichtchen". Ausgesprochen schwierig scheinen die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern gewesen zu sein: "Du hast deinen Eltern böse Antworten gegeben, hast über sie zu Hause und in der Öffentlichkeit gemurrt; du hast sie verlacht und ihnen nicht behilflich beigestanden, wo sie auf dich angewiesen waren...". Motive zu heimlichen Tränen gab es also auch in den Häusern jenes Cascia, das nun seit 500 Jahren nicht mehr ist. Und das arme Fleisch? In nichts unterscheidet es sich von den heutigen Tatsächlichkeiten. "Du hast dich verliebt und bist zur Messe gegangen nur deiner Liebsten wegen, du hast geküsst und umarmt..., ihretwegen hast du Streit angefangen und deine hitzigen Worte ließen die Degen klirren..., du hast dich vor anderen deiner Sünden gerühmt, auch derjenigen, die du gar nicht begangen hattest. Du sagtest: 'O, wenn ich ein Vöglein wär', flög' ich in das Kämmerchen meiner Flamme', ... du hast Anderen das schlimmste Beispiel gegeben...". Das Register ist wie eine zeitlos gültige Gewissenserforschung; - und solch ein junger Mann warb um Rita, liebte und heiratete sie. Ein ausführlicher Sündenkatalog wird in der Moralschrift verzeichnet: Raub, grober Diebstahl, Wucher, Simonie (= Kauf oder Verkauf von geistlichen Ämtern oder Dingen). Alle Schwächen ziehen am scharfen Auge des Inquisitors vorüber: "Du hast betrogen beim Kaufen und Verkaufen, du hast geschworen, um größeren Kredit zu machen, du hast Falschgeld unter das gute gemischt, du hast geschwindelt an der Waage..., hast gestohlene Dinge gekauft..., vom hohen Rosse herab hast du den armen Bauern geschädigt und deine Pferde durch sein Getreide gejagt". Scheinbar war also der stolze Ritter mit dem Falken auf der Hand nicht immer von ritterlicher Gesinnung. Als schlimmste Anklage gegen eine stolze Cascianerin aber galt jener Vorwurf: "Deine Mitgift ist gestohlenes Gut, Frucht aus dem Wucher deines Vaters!" Die Handelsmoral ist diejenige der Paragraphen des Stadtgesetzes, das die gleichen Vergehen verhüten wollte: "Beim Kartenspiel hast du die anderen listig hintergangen..., du hast den Arbeitern den Lohn vorenthalten..., du hast gekauft und nicht bezahlt..., hast Schaden zugefügt, ohne ihn zu ersetzen..., das Brot eher den Hunden als den Armen gegeben..., und wenn du schon mit herablassender Geste Almosen gabst, so geschah es mit mürrischer Miene..., du fälltest als Schiedsrichter unwahren Spruch, weil du dich nicht kümmerst um Recht und Unrecht, aus Freundschaft und aus Liebe zum Bestechungsgeld". Auch dies klingt uns nicht allzu fremd in den Ohren. Geiz, Esslust, Trinklust und das arme Fleisch (in dieser Reihenfolge!) sind die Haupttendenzen, die der strenge Moralist zuletzt hernimmt, weil man damals wusste, dass die Laster des Stolzes, des Neides, des Zorns und des Sich-gehen-lassens weit verhängnisvollere Ausflüchte für das Menschenherz sind. Inmitten dieser Menschheit und Menschlichkeit hat Rita ein Leben in Heiligkeit und seelischer Transparenz geführt. Von ihren Mitbürgern hat der Wind auch das letzte Körnchen Staub verweht; sie aber lebt seit 500 Jahren weiter für Tausende ihrer Verehrer und Bewunderer. Wer über Heiligkeit vergangener Zeiten berichtet, kommt in die Versuchung, dem heutigen Rahmen der religiös - gesellschaftlichen Kritik einen idealisierten historischen gegenüber zu stellen. Sicher ist das nicht die Wirklichkeit. Immer gibt der Mensch mit seiner Menschlichkeit das Maß. Wer also heilig werden will, muss den Mut besitzen, unter den Zeitgenossen zu leben, die Gutes und Böses in sich vereinen. Mit sehr betonten Akzenten spricht das Schriftchen von Stolz, Zorn, Neid und von dem totalen Sich-gehen-lassen, so dass die Beschreibung vom Leser unwillkürlich als persönliche Herausforderung verstanden werden muss. Auch unsre Heilige wird sich solche Worte zu Herzen genommen haben, die unmissverständlich von der Kanzel fielen; denn es zittern eher die Heiligen denn die Sünder. "Der Stolz ist ein Hochmut des Geistes. Stolz heißt, sein Haupt erheben und andere verachten; Stolz heißt, die anderen übertrumpfen: Du hast dich immer mit dem Verlangen getragen, die anderen zu kommandieren..., du hast dich in Überheblichkeit gewiegt wegen deines Reichtums, wegen deines Namens, wegen deiner Beredsamkeit, der Schönheit deiner Gestalt und des Adels deines Blutes..., auch wegen deiner Gewandung..., du hast danach getrachtet, die Fehler anderer zu erfahren..., du hast dich gefreut, wenn andere eine skandalöse Tat begingen, um nicht allein als Sünder zu erscheinen..., du warst arrogant im Tadeln der anderen..., du hast die Armen, Gebrechlichen und einfachen Leute verachtet..., du hast dich ins Licht gestellt, mehr als es deine Tüchtigkeit und die Arbeit deiner Hände es dir erlaubt hätten..., du hast dich gebrüstet, zu haben, was du nicht hast, zu wissen, was du nicht weißt, zu können, was du nicht kannst..., du hast bei Tisch den ersten Platz begehrt, ebenso bei der Predigt, beim Tanz und in der Politik..., du hast das Gute der anderen gelästert: '...der weiß nichts, der versteht nichts'..., nur um selber gelobt zu werden..., du hast dir selber mehr geglaubt als dem, der das größere Wissen besaß..., du hast dem Bösen eher gehorcht als dem Guten." Frauen und Männer zu Ritas Zeiten sind also von unseren Zeitgenossen nicht sehr verschieden. Aber anzuerkennen ist der Mut, mit dem sie die eigene moralische Erscheinung im Spiegel der Selbstbetrachtung unbarmherzig annehmen. Die Rüge gegen den Neid, das wie ein grünäugiges Ungetüm sich in vielen erbärmlich-kleinlichen Seelen verbirgt, ist geradezu halluzinierend: "Es hat dir leid getan, Menschen zu sehen, die einen gewichtigeren Namen tragen als du, weil du deshalb deinen eigenen Namen schon geschmälert glaubtest..., aus Neid hast du Gottes Gnade verschmäht, hast getrauert, weil Gott andere mehr liebt als dich..., aus Neid wünschtest du die Vernichtung des anderen, die Vernichtung seines guten Namens, seines Eigentums, ja seiner Person..., aus Neid brachst du den Amtseid..., du freutest dich, als deinem Feinde Unglück geschah..., du hast dich ergötzt an der Verzweiflung der anderen...". In einem Cascia, das sich von der Vendetta, dem Rachesystem, zerfleischen ließ, darf es niemanden wundern, wenn Zorn gleichbedeutend ist mit der Lust und Gier nach Rache. Wie viele konnte man dieser Sünde zeihen! Oft ging die Rache weit über das Maß des geschehenen Unrechts hinaus: "Anstatt eines Faustschlages möchtest du ihm mit dem Messer antworten, ihn vielleicht sogar töten". Die Gewissenserforschung geht noch weiter: "Du bist so sehr gegen den anderen erbost, dass du nichts Gutes von ihm und seiner Familie hören kannst..., du bringst es nicht fertig, dein Herz zu demütigen, um wieder mit ihm zu sprechen, ihm zu verzeihen; ... du siehst es nicht gern, wenn dies jemand tut und lässt sie dafür büßen..., aus Zorn hast du Verleumdungsbriefe geschrieben..., du hast aus Zorn den Teufel verflucht, den Wind, das Wasser, die Kälte, die Hitze und die Fliegen, den Tag und die Stunde deiner Geburt, Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Hölle, Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, Söhne und Prälaten..., aus Zorn grolltest du gegen Gott. 'Du grausamer Gott, warum tust du das?' " ... Vor diesem Verrat am natürlichen und göttlichem Leben mit der tragischen Parallele des verratenen Talentes will die Moralschrift möglichst Viele bewahren: "Du ließest dich so gehen; du wolltest nicht aus dem Hause, auch nicht, um die notwendigsten Besorgungen zu machen..., du ließest dich so weit gehen, dass du dich selber hassen musstest..., dass du mit niemanden reden wolltest..., du hast dich der Faulheit überlassen..., du hast dich so an die Launenhaftigkeit verloren, dass, jemand dir sagte: 'Gott gebe dir einen guten Tag', du ihm nicht einmal antworten wolltest..., du hast mit Nichtigkeiten deine Zeit vergeudet, bist über die Plätze und durch die ganze Stadt, ja in die ganze Umgebung geschlendert, hast dich da und dort mit Tändeleien ergötzt, hast nichts Gutes für deinen Leib getan und noch weniger für deine Seele; und die Beichte hast du sogar bist Ostern verschoben..., den Kranken deines Hauses gabst du keine Gelegenheit zum Empfang der Sakramente." Cascia war trotz allem immer bereit, Gottes Antlitz auch im menschlichsten Zwielicht zu erkennen und zwar in jeglichen Lebenssituationen, in den gewöhnlichsten und den erhabensten, im Boudoir (= elegantes, privates Zimmer einer Dame), im Geschäft, beim Gesang, beim Tanz und in der Politik. Und siegte zuweilen der böse Wille, - oft genug war ein Fall nur die Folge eines schwachen, nicht aber eines bösen Willens, der in seiner Gottferne die Stimme des Gewissens nicht mehr klar vernehmbar hören konnte, - so war im letzten die Macht der Liebe, die sich einem größeren Herrn zu diensten gibt, doch noch triumphierenden.
Geographische Lage
Cascia ist eine der ausgedehntesten, gebirgigsten und höchstgelegenen Gemeinden von Umbrien. Durch ein Labyrinth von Bergen, die den Eindruck der Isolierung erwecken, gelangt man dorthin. Cascia wurde 1328 und im 1700 Jhd. von einem Erdbeben erschüttert.
Gesellschaft und Politik
Gesellschaft Dichte Wälder überzogen die umbrischen Berge und ließen an der öffentlichen Sicherheit manches zu wünschen übrig. Die Armen verspürten ihr Armsein in einer weit größeren Bitterkeit und die Reichen konnten sich keineswegs mit unserer heutigen Vorstellung von Reichtum messen. Der soziale Abstand jedoch war eine unüberbrückbare Kluft, die den Armen verbittern, den Reichen selbstherrlich werden ließ. Ein Menschenleben hatte keinen allzu großen Wert; wer als Kind dem Schrecken der Pest entkam, konnte in die Hände jener ruchlosen Söldnerscharen fallen, die im Dienste großer oder kleiner Herren oder sogar auf eigene Faust das Land plündernd, sengend, raubend und mordend durchzogen. Hohe Summen von Brandschatzgeldern waren zu zahlen, wollte man sich diese Horden des Unglücks vom Leibe halten. Im Jahre 1394 ... "verübten die Cascianer alle Art von Brandschatzung, Diebstahl, Raub, Einkerkerung, Mord, Baumschaden und Frauenraub gegen die Stadt von Aquila", so wissen die Dokumente zu berichten. Wohl verzieh diesmal die Stadt Aquila großzügig das Unrecht. Aquilas König, Ladislaus von Neapel, verbot seinen Leuten sogar die sogenannte "Cavalcata", den Racheritt gegen Cascia. Diese Scharmützel gingen jedoch nicht immer so glimpflich aus. In der Regel war eine wütende Rache, die sog. "Vendetta", das blutige Ende, die wie eine Drachensaat voller Hass und Grausamkeit die einzelnen Bürger von Cascia in einen Bann von Leid und Elend schlug. Der Racheritt eines Kleinstaates folgte dem einer anderen Kleinrepublik auf dem Fuße. In wilder Besessenheit jagten Aufgebrachte ihre Pferde durch Felder und Ansiedlungen, brandschatzten und zerstörten nach Gutdünken, um es von den Überfallenen bei gegebener Zeit wieder mit Zinsen heimgezahlt zu bekommen. Auch gab es eine Art erlaubter oder geduldeter Vergeltungsmaßnahme privater Art, wobei die Wiedergutmachung von vermeintlichen Rechtsschäden erzwungen werden konnte; allerdings nur von den Bürgern anderer Städte und niemals von eigenen Mitbürgern. Die Cascianer zur Zeit der hl. Rita hätten uns um das heutige System der öffentlichen Sicherheit beneidet, das wir so oft kritisieren. Nach Einbruch der Dunkelheit konnten sie das Haus nicht verlassen, ohne als gefährliche Räuber angesehen zu werden. Wollte z.B. ein Arzt im Dienste des nachts durch die Stadt, so musste er sich durch eine Fackel oder Laterne erkennbar machen. Am Tage hörte die öffentliche Sicherheit an der Stadtmauer auf. Außerhalb der Mauer trieben sich die in Acht und Bann lebenden Opfer der Justiz von Cascia herum. Das Stadtgesetz nennt sie "ex-banditi" und will sie so schnell und unauffällig wie möglich verschwinden lassen; dasselbe Gesetz aber ist der Ausgangspunkt immer neuer zwielichtiger Gestalten. Auch der uralte Ehrenkodex des Rachezwanges verweist in diese Richtung. In der humanistischen Geschichtsperiode Cascias waren die Frauen nicht ohne Kultur: Viele konnten lesen, andere auch schreiben. Unter der Parole "Freiheit" hatte sich Cascia 1375 mit Florenz verbunden. 1377 hatte es den päpstlich-guelfischen Podesta vertrieben. Kurz vorher, 1375, ließen sich die Ghibellinen, sicher nicht aus reiner Liebe, mit dem kleinen Volke von Cascia ein. Die Guelfen paktierten ihrerseits aus ähnlichen Motiven mit der Bürgerschaft, die durch einen politischen Schwindel im Jahre 1348 das niedrige Volk um seine Rechte betrogen hatte, nur um alle Macht an sich zu reißen. Außerhalb der Stadt war die Situation nicht besser. Banden und Banditen durchschwärmten die Gegend. Das politische Leben Der richterliche und exekutive Zweig von Cascias Regierung wurde von dem "Podesta", dem Bürgermeister mit seinem Vikar und seinem Statthalter, ferner von 4 Richtern, den 2 Polizei- Offizieren und den 28 Polizisten gebildet. Diese Ämter wurden alle 6 Monate neu besetzt und zwar mit Männern aus der näheren oder weiteren Umgebung, nie aber von Cascianern selbst. Jeder dieser Regierungswechsel kostete dem Stadtsäckel 700 Gulden. Cascias Bürger verlangten von den fremden Regierungsbeamten absolute Neutralität und Rechtlichkeit. Sie durften sich weder mit dem Adlerwimpel (Hoheitszeichen der Ghibellinen), noch mit den Lilienfähnchen (Hoheitszeichen der Welfen bzw. Guelfen), zeigen. Eine sprichwörtliche Unbestechlichkeit sollte ihre Qualität unter Beweis stellen. Hielt dieser Beweis auch stand? Sie regierten mit anmaßender Allmacht und Allwissenheit, die sie sich durch Spitzel und Spione zu verschaffen wussten. Diese wiederum entwickelten bei ihren dunklen Geschäften einen sehr verdächtigen Eifer; bekamen sie ja von den eingeforderten Geldstrafen die Hälfte als Lohn. Und doch konnte niemand beweisen, ob dieses unsaubere Geld zuweilen nicht in den Taschen der Regierenden selbst blieb. Den gesetzgebenden Zweig der Regierung bildeten die Bürger Cascias. Dazu gehörten die 24 Konsulen, - 4 für je zwei Monate-, die 24 Ratsherren, die 24 Sachverständigen und die 70 Beisassen. Berufsmilitär konnte die Stadt nicht un-terhalten. Dafür hatten 200 Bürgersoldaten die Ehre, im Kriegsfalle für das Vaterland zu sterben. Gelegentliche Zwiste zwischen Bürgertum und gewöhnlichem Volk, zwischen Welfen und Ghibellinen waren nicht selten. Das Gespenst der Blutrache trieb all zu oft sein Unwesen. Durch das Stadtgesetz selbst, das fast keine Todesstrafe vorsah, dafür aber umso ausbeuterische Geldbußen, wurden die kleinen Leute zum Banditentum angestiftet. Die Söhne der besseren Familien zwang es im Falle eines Konfliktes in das politische Exil. In den benachbarten kleinen Republiken führten sie auf deren Festungen den Soldatendienst aus. Kamen sie bei kriegerischen Händeln wieder mit den Cascianern zusammen, so wurden sie bei der Gefangennahme sofort hingerichtet. Ein so Geächteter in Acht und Bann (ex-bandito), war nichts anderes als ein gehetztes Tier, völlig rechtlos der Willkür preisgegeben. In Zivilfällen konnte er also von jedem niedergeschlagen werden, wenn es nur nicht zum Blutvergießen kam. Bei kriminellen Vor-kommnissen durfte es nur nicht zum Totschlag kommen; die Hinrichtung selbst war ja in Cascia zu vollstrecken. Ein menschlicher Zug im Gesetzbuch Cascias gab den streitenden Parteien die Möglichkeit, sich außerhalb des Gerichtes zu versöhnen; und zwar mit sehr günstigen legalen Folgen im Gerichtshof selbst. Bei einer solchen Versöhnung wurden sämtliche Geldstrafen um ein Drittel gekürzt. Leider war die Staatskasse immer leer und Cascia konnte sich diese Großherzigkeit nicht all zulange leisten. Um das Jahr 1380 wurden die finanziellen Vergüns-tigungen der außergerichtlichen Versöhnungen wieder beschnitten. Es ist unschwer, sich vorzustellen, dass viele Cascianer vor Torschluss zur Versöhnung mit ihrem Gegner bereit waren. Erst kürzlich wurden gegen 20 solcher Versöhnungsurkunden aus den Jahren 1380 - 1381 veröffentlicht. Vendetta (Blutrache) Es war keine Außergewöhnlichkeit, im Parteihader der Guelfen und Ghibellinen ein Opfer der erhitzten Gemüter zu werden. Infolge alter Rachezustände und aufgrund der Gegensätze zwischen dem Bürgertum und dem einfachen Volke kam es immer wieder zum Blutvergießen. Die politischen Kämpfe, die Zusammenstöße zwischen Stadt und Land, die andauernde Drohung der wilden Kriegeshorden, die unablässig die kleinen Republiken umschwärmten, wie auch die Kettenreaktionen bei Familienrachen brachte zunächst das Leben der Höherstehenden in Gefahr, wogegen das der Armen zumeist verschont blieb. Sie starben als Opfer der zahlreichen Zeitkrankheiten. Ferdinand aber wurde von Verrätern und satanischem Gesindel meuchlings ermordet. Mit dieser unseligen Tat war nicht nur der Tod des Vaters geplant, sondern man suchte auch die Söhne zu vernichten und somit den Namen Mancini auszurotten. Diese abscheuliche Untat konnten die Übeltäter direkt vom Gesetze durchführen lassen. Denn falls sie über das Stadtgesetz informiert waren, - wahrscheinlich waren es selber auch Advokaten, - so hätte es genügt, die Jungen zu einer Vergeltungsmaßnahme anzueifern. Sie brauchten ihnen nur zuzuraunen, dass sie die Scheune des Mörders, seinen Schuppen oder sein einsames Haus anzünden sollten. Taten die Jungen wirklich etwas Ähnliches, so waren sie der Todesstrafe verfallen; denn das Gesetz forderte Todesstrafe auch schon für 14-jährige Jungen, die ein zufällig bewohntes Haus angezündet hatten. Die Verräter bräuchten also nur schwören oder schwören lassen, dass die Brandstiftung an einem bewohnten Gebäude stattgefunden hatte - und schon waren Ritas Söhne lauf Gesetz zum Tode verurteilt. Leider ist diese Mutmaßung kein Roman, sondern eine Wahrscheinlichkeit, die im Rahmen Cascias ernsthaft in Betracht gezogen werden muss. Ein alter Hymnus besingt Rita als Mutter, als liebevolle Mutter ihrer Kinder und als Schmerzensmutter derselben: Also ist die Tragödie in Ritas Familie verbürgt. Dann folgen im gleichen Hymnus zwei mysteriöse Zeilen, die dringend eine Erklärung verlangen: "Rita, du hast das Exil vermieden, damit ihnen kein qualvoller Henkertod zuteil werde". In der Sprache Cascias heißt 'Exil' immer politisches Exil. Fiel auf die Söhne der bürgerlichen Familien die Todesstrafe, so pflegten sie in die Festungen der umliegenden kleinen Republiken zu fliehen, um sich dort als Soldaten zu verdingen. Wurden sie dann bei gelegentlichen Kriegshändeln von den Cascianern gefangengenommen, so folgte unten am Corno-Fluss die Enthauptung. Es wurden dort zahlreiche Gebeine gefunden. Für Rita sprechen also alle Umstände, dass sie wirklich um den Tod der Söhne betete, damit die Schande des Henkertodes ihrer Familie erspart bleiben möge. Hätten sich die Söhne in Acht und Bann in den Wäldern vor Cascia herumgetrieben, so müssten sie das Leben von gehetzten Tieren führen, immer in Gefahr, von den Verfolgern niedergeschlagen zu werden mit der einzigen Einschränkung: 'ohne zu töten' - . War der Schuldige schon zum Tode verurteilt, dann wollte man den Pöbel nicht um das Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung bringen. Ein alter Zeuge berichtet, wie Rita das blutbefleckte Hemd ihres ermordeten Mannes vor den Söhnen versteckt hielt. Dieses corpus deliktum vor Augen hätte die Söhne zu einem wahnsinnigen Racheakt angespornt. Und dann traf die immer schon geahnte Befürchtung Ritas ein: Brandstiftung wurde zur tödlichen Falle ihrer Kinder, die möglicherweise das Stadtgesetz noch gar nicht kannten oder wenigstens nicht die Tragweite des Tatbestandes. Wie oft musste sie beobachten, dass die Gespräche verstummten, sobald sie in einen Kreis von Leuten eintrat, die nichts besseres zu tun hatten, als Rita mit Worten zu quälen: "Wenn eine Rache geschieht, musste wohl auch eine Ursache da sein". Üble Nachreden dieser Art waren mit einer Geldstrafe von 25 Gulden belegt. Wer jemanden, bis hinauf ins vierte Geschlecht, eine Gewalttätigkeit vorwarf, der sollte jedes mal mit einer schweren Geldbuße zurecht gewiesen werden, so wollte es das Gesetz. Wer aber kann durch ein Gesetz böse Gedanken und Worte fernhalten? Die alte Biographie stammt aus der Zeit, in der nicht wenige Frauen von der eigenen Familie hinter den Klostermauern begraben wurden. Auch im Cascia der hl. Rita führte bürgerliche Eitelkeit dazu, die erste Tochter mit überreicher Mitgift standesgemäß zu verheiraten und die anderen logischerweise ins Kloster zu stecken. An und für sich hätte die Aufnahme Ritas ja den Klosterfrieden sehr in Gefahr gebracht; denn das Stadtrecht von Cascia setzte voraus, dass ein unschuldiges Opfer wie Rita im Hassbann der Vendetta blieb und die klösterliche Gemeinschaft so unschuldigerweise bedrohen konnte. Schließlich hätten sich auch noch finanzielle Folgen einstellen können, wenn eine Nonne, dann gewiss nicht die heiligste, sich auf die tragischen Ereignisse in Ritas Familie entsonnen und darauf angespielt hätte; sicher müsste das Kloster dann mehr als einmal die gesetzliche Geldstrafe von 25 Gulden entrichten. Die Aufnahme Ritas ist ein wahres Zeichen für die Tatsache einer selbst vollzogenen Friedensstiftung.
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